Ich zitiere: Henry Ford

Ich hab’ eben mal aus reiner Neugier in den alten Büchern der Wirtschafts-Bibliothek gestöbert. Im Vorwort  zu ”Das große Heute, das größere Morgen” hat Henry Ford 1926 folgende Zeilen geschrieben, die ich streitbar und bemerkenswert finde:

Seit Jahrhunderten klagen die Menschen über den Mangel an Möglichkeiten, sprechen vom Druck der Notwendigkeiten… Aber noch jedes Jahr hat irgendeinen neuen Gedanken auftauchen und sich entwickeln sehen und damit eine Reihe neuer Möglichkeiten geschaffen. Heutzutage besitzen wir bereits genügend erprobte Ideen, die, in die Tat umgesetzt, die Welt aus ihrer stumpfen und trägen Armut reißen und allen, die den Willen zur Arbeit haben, ihren Lebensunterhalt sichern würden. Nur die alten, überlebten Traditionen stehen diesen neuen Ideen im Wege. Die Welt legt sich selbst Fesseln an, verhüllt ihre Augen, und dann fragen sich die Menschen noch verwundert, warum es nicht vorwärts geht!
Greifen wir nur einen dieser neuen Gedanken heraus - an sich ein unbedeutender Gedanke, den jeder hätte fassen können, aber den zu entwickeln mir beschieden war (Anm.: Die Entwicklung des Autos für Jedermann). Wichtig aber ist folgendes: dass wir aus einer bloßen Handvoll in einer Werkstatt tätiger Männer zu einer bedeutenden Industrie gewachsen sind (…). Drei Millionen Männer, Frauen und Kinder verdanken also ihren Lebensunterhalt einer einzigen Idee, die erst vor achtzehn Jahren in die Tat umgesetzt wurde. (…) All dieses ist in kürzerer Zeit gereift, als ein Kind zum Heranreifen braucht. Welcher Unsinn, da von Mangel an Gelegenheit zu schwatzen oder diesen Gedanken auch nur zu fassen! Wir wissen nur nicht, was Gelegenheit ist.
Auf der Welt leben seit jeher zwei Sorten von Menschen - Pioniere und Leute, die im altgewohnten Trott wandeln. Stets greifen diese letzten die Pioniere an. Sie behaupten, die Pioniere hätten alle Möglichkeiten an sich gerissen. Dabei ist es doch eine offensichtliche Tatsache, dass die große Herde überhaupt nirgends hintrotten könnte, hätten nicht erst die Pioniere die Wege gebahnt.
Denkt mal über eure Arbeit in der Welt nach. Habt ihr euch eure Stellung selbst geschaffen oder tat es jemand anderer für euch? Habt ihr das Geschäft, in dem ihr tätig seid, begonnen oder tat das irgendein anderer? Habt ihr je selbst eine Gelegenheit entdeckt oder geschaffen oder seid ihr die Nutznießer einer Möglichkeit, die andere geschaffen oder entdeckt haben? (…)
Tatsache ist, dass vor einem Menschenalter tausend Mann auf eine Gelegenheit kamen, während heute tausend Gelegenheiten für jeden Einzelnen vorhanden sind.

2 Responses to “Ich zitiere: Henry Ford”


  1. 1 Marvln Urban

    Ich denke, es waere eine geschichtliche Recherche in amerikanischer Literatur, Zeitungen und Magazinen notwendig, um die von Ford beschriebene “Stimmung im Volke” wirklich nachvollziehen zu koennen, aber ohne diese:

    Was sind “Gelegenheiten”..? Einstein’s Relativitaetstheorien sind nicht all zu schwer nachzuovollziehen und mit der heutigen mathematischen Allgemeinbildung eines Gymnasisten vielleicht gar nicht so schwer zu “entdecken” … aber heute erklaert sich die Astrophysik nur noch in abstrakten Koerpern und Gebilden die sich aus noch abstrakterer Mathematik ableitet (Universum als String..?). Aehnlich verhaelt sich das wohl auch in technischen Innovationen unserer Zeit: Forschung und resultierende Innovation wird meistens in einem Team hochqualifizierter Spezialfachkraeften vorangetrieben.

    Mein Fazit: Zeiten haben sich gaendert, heute liegen nur noch semi-innovative “Gelegenheiten” auf der Strasze rum. Nur ein zeitloser Faktor bleibt: Geld deteminiert oftmals die Existenz und den Erfolg von “Gelegenheiten”.

  2. 2 Oli

    Die Zeiten haben sich geaendert, aber die Gelegenheiten liegen nur nicht mehr auf der Strasse rum, weil die Strassen fuer die vielen Autos gebraucht werden. Jetzt liegen sie halt nicht mehr dort, stehen aber dafuer immer noch an jeder Strassenecke. :-) Ich denke wir haben in diesem “Zeitalter” unglaubliche Moeglichkeiten und Werkzeuge, von denen Herr Ford und die Pioniere aus seiner Zeit noch nicht mal traeumen konnten. Diese ermoeglichen uns innovativste ideen mit minimalem Geld-aufwand umzusetzen. Klar kann man den Erfolg vom Geld abhaengig sehen - mit mehr Geld ist alles wesentlich einfacher - allerdings sind meistens die einfachsten Ideen die genialsten.

    Ich denke von genau dieser Mentalitaet hat Ford geredet - dass man meint die Forschung wird nur noch von Akademikern betrieben, und alles was der Erfindung wert ist, bereits erfunden wurde. Das denken die meisten leute heute, aber wenn man zurueckschaut, war das schon immer die Einstellung der Masse.

    Der leitende Angestellte des US-Patentamtes Charles H. Duell machte 1899 einen ungewöhnlichen Vorschlag: Man könne das Patentamt schließen, mit neuen Patentanmeldungen sei nicht mehr zu rechnen: “Es gibt nichts Neues mehr. Alles, was man erfinden kann, ist schon erfunden.”

    Und nur weil heute so krasse Sachen erfunden werden (zB das iPhone) muss man sich davon nicht einschuechtern lassen, sondern trotzdem Gelegenheiten suchen und ergreifen, die die eigenen Moeglichkeiten nicht (allzusehr) uebersteigen.

    Was ich allerdings tatsaechlich schade finde, ist dass die Deutsche Buerokratie einem so viele Steine in den Weg legt, dass selbst wenn man eine dieser Gelegenheiten erkennt es einfach hierzulande noch eine unueberwindbar scheinende Huerde gibt, die es halt… zu ueberwinden gilt. :-)

    Ich finde Ford hat recht, bei dem groessten Teil von dem was er oben gesagt hat, zumindest theoretisch.

    Oli

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